Liebe Brüder und Schwestern

Stellen Sie sich vor, die Schützenbruderschaft vom Hl. Laurentius und Hubertus würde am dritten Sonntag im September feiern, aber sie käme nur zusammen, um die eigene Fahne zu feiern, ohne Vogelschuss und ohne weiteres Brauchtum! Sie fragen sich: Wovon spricht der denn, wer trifft sich schon, damit man nur um eine Fahne herumstehen kann?! Immerhin steht auf der Fahne eben dieser Schützenbruderschaft seit 1625 «Glaube, Sitte und Heimat». Und das wurde nur 10 Jahre später als 1615 geschrieben, als der Turm dieser Kirche fertig errichtet wurde! Warum sollten wir nicht für eine Fahne zusammenkommen, wenn wir heute für einen Turm zusammengekommen sind! Oder lassen Sie es mich anders sagen: heute feiern wir doch ein komisches Fest. Würden Sie der Einweihung eines Sudkessels einer Brauerei beiwohnen, wenn danach kein Bier ausgeschenkt wird? Wir können darum heute auch nicht einfach einen Kirchturm feiern, das geht nicht! Der Kirchturm kann nur ein Anlass sein! Wir feiern heute uns: die Kirche und natürlich das Haupt und die Mitte der Kirche: Gott. Der Elmpter Kirchturm ist uns dabei willkommener Anlass.

Kirchtürme wurden nicht zuerst gebaut, damit die Menschen ein paar Jahrhunderte danach ein Fest feiern können. Kirchtürme waren nie für sich alleine da: Sie trugen seit dem 6. Jahrhundert Glocken, die die gläubige Gemeinde, also die Kirche zusammenrufen. Dann wurden im Erdgeschoss der Kirchtürme bald auch Kapellen gebaut, als Vorraum und Ort des Eintrittes in die Kirche. Dabei wollte man den Menschen Platz geben, das Böse abzulegen, um danach im Kircheninneren mit dem Guten, mit Gott, in Kontakt zu kommen. Darum waren Turmkapellen oft dem Erzengel Michael geweiht, der gegen das Böse kämpft. Und nicht zuletzt wurde ein Kirchturm zum Symbol des Ehrgeizes einer Gemeinde: Eigene Grösse und das Lob Gottes wurden dabei verbunden. Das war hier in Elmpt 1615 gerade noch möglich. Drei Jahre später begann die grösste Katastrophe Europas vor dem 1. Weltkrieg: der Dreissigjährig Krieg. 1625 stand darum nicht mehr der eigene Ruhm im Vordergrund, der Kirchturm. «Glaube, Sitte und Heimat» schrieb man sich auf die Fahne, da alle drei in ihren Grundfesten erschüttert waren: um den Glauben wurde in fast ganz Europa gekämpft, die Sitten waren verroht, die Heimat eine brennende Hölle!

Gerade in den Zeiten also, nachdem der Kirchturm von Elmpt gebaut war, hatten die Menschen apokalyptische Ängste: Niemand wusste, wie und ob das Ganze überhaupt enden wird. Fragen, wie sie die heutigen Lesungen stellen, waren an der Tagesordnung: Wie dürfen wir armselige und sündhafte Menschen überhaupt noch vor Gott hintreten?, fragt die heutige Lesung aus dem Hebräerbrief. Und um das heutige Evangelium zu verstehen, müssen wir wissen, dass die Apostel Jesus zuerst eine Frage stellten: Sag uns, wann wird das geschehen, und an welchem Zeichen wird man erkennen, dass das Ende von all dem bevorsteht? Es geht bei den heutigen Lesungen um letzte Fragen, es geht um das Ende und es schwingen die Ängste der Menschen mit. Heute antworten unsere Zeitgenossen auf die Frage nach dem Weltende mit dem Hinweis auf Terrorismus oder Umweltzerstörung, auf die Flüchtlingsströme, die nicht enden wollen. Wohin führt das noch, wann hat das ein Ende? Was sagt uns das heutige Jubliäum dazu? Ist es nicht, als ob unser Kirchturm wie ein Mahnfinger in die Höhe ragt? Er ruft uns zu, was Jesus seinen Jüngern antwortet auf die Frage nach dem Ende: Gebt Acht, dass euch niemand irreführt!

Die heutigen Lesungen geben verschiedene Möglichkeiten an, wie wir uns die Irre führen lassen können. Ängste lähmen, machen uns furchtsam und abhängig von Menschen, die sagen, sie hätten für alles eine Lösung. In den Ängsten vor all dem, was uns heute beschäftigt, könnten wir resignieren. Wir können einfach nicht mehr hinschauen wollen und denken: Ich kann ja doch nichts ändern. 1625 haben sich Menschen in Elmpt zusammen getan und haben sich das Vertrauen auf die Fahne geschrieben: Gemeinsam können wir uns stärken für einen tragfähigen Glauben, für menschliche Sitten und für eine lebenswerte Heimat. Und der Kirchturm ragte damals schon seit 10 Jahren in den Himmel, um uns zu sagen: Ihr seid Kirche, ja ihr könnt gemeinsam hoffen und glauben, weil ihr einen gemeinsamen Grund habt, auf dem ihr steht: Jesus Christus! Er ist der, von dem die Lesung sagt: Wir dürfen auch als Menschen, die Fehler gemacht, versagt und gesündigt haben, vor Gott hintreten. Denn Christus tritt für uns ein beim Vater. Er hat sogar am Kreuz sein Leben gegeben, damit wir in Gott immer eine Möglichkeit haben umzukehren. Gott will uns Leben schenken, ja die Vollendung unseres Lebens.

Und auch dieses doch eher düstere Evangelium rät uns, uns nicht in die Irre führen zu lassen. Dass das Ende vor der Türe steht – unser eigenes und das der Welt –, muss uns nicht bedrücken. Nur Menschen ohne Hoffnung lassen Krisen in den geistigen Selbstmord treiben. Uns aber soll der Glaube, dass alles in Gott eine Vollendung hat, Flügel verleihen! Christus wird wiederkommen, das Ende ist für uns nicht ein Fall ins Nichts, sondern der Eintritt in die Ewigkeit! Machen wir es wie ein Kirchenturm: Rufen wir einander unsere Hoffnung zu. Streifen wir gemeinsam in der Michaelskapelle unseres Herzens unser böses Verlangen nach Macht und Zerstörung ab, unsere Versuchung zur Resignation. Und wenden wir uns im Heiligtum unseres Herzens, dort, wo Gott wohnt, dem Guten zu. Ja der Kirchturm tut etwas, wovor wir uns oft einfach schämen: für unsere Überzeugungen, für unseren Glauben einzustehen, andere sichtbar zu tragen und zu unterstützen. Unsere Berufung ist es, ein aufragender Turm, ein Leuchtturm der Liebe Gottes und der Hoffnung auf Leben zu sein und nicht ein Schreckensturm aus Harry Potter oder Herr der Ringe. Ja, wir feiern heute nicht einfach einen Turm, sondern vielmehr: uns, die Kirche, den Leuchtturm Gottes. Wir dürfen Zeuginnen und Zeugen der Nähe Gottes sein, auch und gerade in unseren Ängsten. Der Turm von St. Laurentius ist der willkommene Anlass, feiern tun wir unseren Glauben. Und vielleicht gibt es dann ja heute nicht nur einen Sudkessel dazu, sondern sogar noch ein Bier.



Gott, du Urheber alles Guten, dir dürfen wir uns anvertrauen. Du kennst unsere Gedanken, du weisst um unsere Not. An dich wenden wir uns voll Vertrauen:


Sei mit den Opfern der Terroranschläge von Paris, mit den Angehörigen, mit einer Nation im Schockzustand: tröste Trauernde, heile verwundete Herzen, gib, dass der Hass keinen Platz erhält.

Gib den Menschen von Frankreich, gib allen Menschen in Europa die Kraft, sich gemeinsam für Friede und die Würde jedes Menschen einzusetzen.

Für die Menschen ohne Obdach, für die Menschen auf einem langen Weg der Entbehrung und der Heimatlosigkeit: Lass uns ihnen eine Herberge bieten, so wie wir sie Josef und Maria gewünscht hätten.

Für unsere Gemeinde St. Laurentius: Lass uns füreinander und für andere Menschen ein Leuchtturm der Hoffnung und der Liebe Gottes sein.

Wer auf Irrwegen geht, den verlässt nicht nur die Orientierung, sondern bald auch die Kräfte und die Zuversicht. Lass uns erfahren, dass die Hinwendung zu dir, die Bekehrung, Gutes auslöst und uns stärkt.

Unsere Verstorbenen, besonders die Opfer von Krieg und Gewalt, die ihren letzten Weg gegangen sind, klopfen an deine Tür und erbitten Einlass und Heimat bei dir. Lass sie die Nähe und die Liebe finden, die sie sich gewünscht haben und nach denen wir uns alle sehnen.


Gott, du Urheber alles Guten, deinen Namen zu loben, sich dir zu unterwerfen, das macht uns frei, das schenkt uns Weite und Frieden. Dafür danken wir dir und preisen dich, jetzt und allezeit. Amen.

zurück